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Unser Tandem

Der Leistungunterschied zwischen uns ist schon recht groß. So kam es wie bei vielen Radfahrerpärchen auch zu etwas Frust auf der Touren mit zwei Rädern. Dem einen geht es zu langsam, der andere hechelt hinterher.

Wir haben unsere Lösung ersteinnmal in einem Tandemversuch gesucht. Für kleines Geld haben wir uns unser erstes Tandem angeschafft. Ein doppelter Dahmenrahmen aus dünnen Stahlrohren mit den Teilen aus einem alten MTB bestückt und los ging es. Doch diese Kiste wackelte ab Tempo 25 wie ein Hundeschwanz und so fand sich bald ein Käufer aus Riege der Sonntagsspazierfahrer. Wir aber beschlossen den Bau eines „richtigen" Tandems. Nach sechs Wochen Planung und Diskussion standen die Eckwerte fest: MTB-Tandem-Rahmen mit Federung und Reisetauglichkeit.

Warum MTB?
Der erste Grund ist die gut entwickelte Federungstechnik. Zum zweiten bieten die kleineren Laufräder auch ohne erhöhte Speichenzahlen eine genügende Stabilität und sie können auch noch mit komfortfördernd dicken Reifen bestückt werden. Es werden also weniger teure Spezialteile benötigt.

Interaktives Tandem

Interaktives Tandem. Bitte auf den interessanten Bereich klicken.


Fahrwerk

Die bekannte Rahmenschmiede Kinesis in Taiwan fertigt diesen Rahmen. Mit einem Durchmessen bis zu 12 cm sorgen 7001 Alu-Rohre für absolute Stabilität. Eine kombiniert roll-/gleitgelagerte Viergelenksfederung mit 130 cm Federweg und einem Spezialfederbein bringen den Komfort. Das Federbein kann in Zug- und Druckstufe, in der Federbasis per Vorspannschraube und gegen die Gepäcklast per Luftunterstützung eingestellt werden.
Es gibt mehre Importeure für diesen Rahmen mit erheblichen Preisdifferenzen. Unser fand den Weg über einen leider abseits des Preises nicht gerade empfehlenswerten Laden in Kassel. Dort sieht der Senior-Chef Kunden nämlich als eine Art Fußabtreter an. Heute würden wir lieber etwas mehr Geld ausgeben und dafür echten Service und ein Mindestmaß an Höflichkeit genießen. Als Farbe wurde uns leider nur eine schwarze Pulverbeschichtung angeboten.

Zunächst bauten wir eine Standard-MTB-Gabel der Firma RST ein. Diese zeigte aber schon nach den ersten Tausend Kilometern erhebliche Verschleißerscheinungen, denn die Führungsbüchsen waren den enormen Belastungen des Tandembetriebes mit Scheibenbremsen nicht gewachsen. Nunmehr haben wir eine Marzocci Bomber Gabel eingebaut. Diese hat sehr großvolumige Standrohre aus Stahl und begeistert mit ihrem feinen Ansprechverhalten. Auch musste die Federbasis den höheren Lasten nicht extra angepasst werden, wenn man sofort die härtesten Federn wählt.

Es sind enorme Mengen von Darstellungen und Artikel zum Thema Laufräder beim Tandem zu finden. Stets werden Speichenzahlen bis zu 48 und verbreiterte Achsen empfohlen. Wir haben stattdessen auf MTB-Downhill-Technik gesetzt. Wir hatten von Vornherein auf Scheibenbremsen gesetzt. Die ersten Nabensätze für Scheibenbremsen der Firma Magura wurden von Hügi in der Schweiz gefertigt und erfüllen in der Pro-Version höchste Ansprüche ans Festigkeit und Zuverlässigkeit. In Shimano Naben wird die Kraft über zwei winzige Pallen aus Stahl übertragen, die erfahrungsgemäß den Kräften beim Tandem nicht lange standhalten. Hügi Naben nutzen hier Zahnscheiben, die ein wesentlich größere Fläche für die eigentliche Kraftübertragung bieten und diese auch besser verteilen. Ihr einziger Nachteil ist die Lautstärke beim Freilauf. Dazu hohe und damit steife Alesa Explorer-Felgen mit 32 DT-Swiss Speichen in 2,3 mm und selbst sichernden Nippeln. Diese Laufräder sind bombenfest und halten bislang den Belastungen, nach zweimaligem Nachziehen sehr gut stand. Aufgezogen haben wir Continental Top Touring 2000 in der Dimension 26*2,0.

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Bremsen

Die Bremsanlage
Ein Tandem hat naturgemäß sehr lange Wege für die Seilzüge, was zu erheblichen Kraftverlusten für Bremsen und Schaltung führt. Daher kamen per Seilzug betätigte Bremsen nicht wirklich in Frage. Spontan dachten wir über hydraulische Felgenbremsen nach, doch fand sich im Keller noch ein Satz Magura Louise Scheibenbremsen der ersten Generation (Kompatibilität 99) mit passenden Hügi Naben. Diese Bremsen sind sicher nicht die stärksten SB auf dem Markt, aber uns erschienen sie erstmal ausreichend, da das Tandem ja nicht im Geländeeinsatz sollte. Geplant ist aber seither die Umrüstung auf Gustav M Bremsen im Standard 99, denn die Naben werden wir sicher nicht wechseln! Sie gehören zum besten, was der Markt bietet.
Ein erstes Problem war das Anfertigen längerer Leitungen für die Bremsflüssigkeit aus Meterware und die Entlüftung. Dies brauchte schon einige Stunden. Als Zusatzbremse kam eine einfache Shimano V-Brake an das Hinterrad, deren Bremshebel sich am hinteren Lenker befindet. Sie ist nur für Notfälle gedacht, und wir haben sie bislang nur als Handbremse genutzt.

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Antrieb

Wir wählten eine Drei-x-neun-Schaltung aus. Ein Shimano XT Ritzelpaket 34-12 brachte viel Spielraum und die 53-42-30 Kurbel genügend Vortrieb. Die Kurbel kommt von der Französischen Firma Stronglight, die als einzige Tandem-Kurbelsätze zu vernünftigen Preisen anbietet. Schaltwerk und Umwerfen kommen von Shimano, ebenso die Ketten. Benötigt werden 2 1/2 7-fach Ketten für die Synchronkette und dazu eine 9-fach-Kette für den eigentlichen Antrieb. Gespannt wird die Synchronkette über eine Exenterlagerung des vorderen Innenlagers. Bei der Wahl des hinteren Innenlagers sollte man beachten, dass dieses enormen Kräften ausgesetzt ist. Daher kam hier eine Patrone von Campagnolo mit dreifacher Lagerung zum Einsatz.
Auch natürlich hier das Problem der langen Seilwege. Daher entschieden wir uns für Drehgriffe, da diese mehr Überschalten ermöglichen als die Shimano Trigger. Dazu müssen die Züge besonders sorgfältig verlegt werden. Alle Außenzüge werden nach dem Zuschneiden noch rechtwinklig geschliffen, damit sie mittels planer Flächen in ihren Sitzen kein zusätzliches Spiel verursachen. Alle Radien wurden optimiert, um unnötige Seillängen zu vermeiden.

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Bedienung und Zubehör

Lenker und Sättel haben wir nach unseren persönlichen Vorlieben ausgewählt. Ein verstellbarer Vorbau und der Multifunktionslenker sollten die Tourentauglichkeit verbessern. Drei Flaschenhalter sorgen für eine vernünftige Vorratswirtschaft.
Auf eine Dynamobeleuchtung haben wir bislang bewusst verzichtet und auch noch nie vermisst. Hinten leuchtet eine LED-Rückleuchte und Vorne eine akkubetriebener Doppelscheinwerfer, der zudem eine Fernlichtoption bietet und ohne Fernlicht bis zu 4,5 Stunden leuchtet. Aufgrund von Leuchtbändern an den Reifen, konnten wir auf die hässlichen Felgenreflektoren verzichten. Beide Lenker haben eine Klingel, was sich in der Praxis als ziemlich wichtig herausgestellt hat.
Zunächst hatten wir nur einen Hinterbauständer vorgesehen, doch dieser alleine führte zu einem Umschlagen der Lenkung und damit zu instabilem Stand. Daraufhin haben wir einen Low-Rider-Gepäckträger an die Gabel gebaut, an dem ein Zusatzständer angebracht ist. Seither steht das Tandem auch mit Gepäck wie Beton.

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Gepäck

Ein Reisetandem muss viel Gepäck tragen. Hinten fand sich kein kompatibler Träger für die Viergelenksfederung und so mussten wir zu einem Sattelstützenträger greifen. Dieser kann 15 kg tragen und verfügt über die Abstandhalter, die das Anhängen von Taschen erlauben. Dazu der Low-Rider-Träger an der Federgael. Die ersten Versuche mit Taschen an den beiden Trägern waren durch den hohen Schwerpunkt katastrophal. Die Lenkung pendelte ständig und das Bike war nur mit hohem Krafteinsatz zu lenken. Daraufhin kauften wir einen speziellen Anhänger,den B.O.B der Firma Yak dazu. Normale zweispurige Anhänger werden über eine einarmige Deichsel gezogen. Das hat verschiedene Nachteile:
- Der Folgeradius des Hängers ist etwas unglücklich, so dass enge Durchfahrten zum Problem werden können.
- Die Breite des Hängers ist größer als die des Zugrades, was nicht immer passt.
- In schnell gefahrenen Kurven kann der Hänger kippen und ein Tandem ist nun wirklich kein langsames Fahrzeug!

Der B.O.B ist als einspuriger Hänger eine gegabelten Deichsel nicht breiter als ein Fahrrad. Mittels einer speziellen Steckachse, die die Spannachse des Hinterrades ersetzt, wird er gekoppelt. Die Deichsel hat ein senkrechtes Drehgelenk knapp hinter dem Reifen des Hinterrades. Daher folgt dieser Hänger dem Hinterrad auf nahezu gleichem einem Radius. Dies läßt so gut wie keine Rangierprobleme aufkommen. Dazu legt sich die Yak mit dem Tandem in die Kurve und kann daher nicht kippen. Er ist also geschwindigkeitsfest und darf eine Zuladung von 30kg in seinem wasserdichten Gepäcksacks aus dem Motorradhandel aufnehmen. Der Yak hat sich als der perfekte "Kofferraum" erwiesen.

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Erfahrungen

Das Fahrverhalten
Länge läuft, sagt man und dies gilt natürlich besonders für ein Tandem. Zaw macht der Radstand es nicht gerade zum Rangierwunder, sorgt aber immerhin für ruhigen Geradeauslauf. Ein Tandem ist damit nicht unbedingt für den Stadtverkehr geeignet, denn es braucht mehr Zeit für Beschleunigung und Bremsung und größere Rangierradien als ein Solorad.
Aber auf den Landstrassen kennt es keinen Gegner, denn einmal auf Schwung gebracht sind lange Strecken mit hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten das reine Vergnügen.

Das wichtigste aber beim Tandem ist Teamwork! Beim Anfahren schon müssen sich Captain und Stoker genau absprechen. Ebenso bei jeder besonderen Aktion, wie Schalten, Bremsen oder Anhalten. Das braucht schon etwas Übung, doch nach einiger Zeit geht das wirklich reibungslos und ist ein echtes Beziehungstraining.

Die Fehler und die Erfahrungen
Der erste Missgriff war die Federgabel. Hier muss es einfach ein besonders starkes Exemplar sein, denn die Kräfte sind bei einem Tandem mit Scheibenbremsen einfach enorm.

Noch ist ein Multifunktionslenker mit einem verstellbaren Vorbau montiert. Dieser ist den Lenkkräften eigentlich nicht gewachsen und zeigt eine erhebliche Flexibilität, die der Lenkpräzision schadet. Er wird in diesem Winter einem MTB-Downhill-Lenker mit entsprechendem Vorbau weichen.

Die Bremsanlage ist eigentlich ausreichend dimensioniert, auch mit Gepäck. Jedoch wünscht man sich noch etwas mehr Reserven und so werden nunmehr größere (180mm) Bremsscheiben mit entsprechenden Adaptern für die Zangen ihren Platz finden. Wenigstens solange, bis wir endlich ein Paar Gustav M aufgetrieben haben.

Andere Leute
Ein Tandem ist ein echter Kommunikationskatalysator, denn immer wieder wird man angesprochen. Mit unseren Liegerädern war das ähnlich, nur die Fragen waren dort erheblich dümmer. Zwar nervt die ewige Frage etwas, ob der Stoker während der Fahrt aufhören kann zu treten, doch gibt es zur Beruhigung dabei viele tolle Kommentare und echtes Interesse an dem Fahrzeug.

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